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“Eine neue Perspektive nicht für morgen, sondern übermorgen” – Interview mit Nobelpreisträger Bernard Lucas Feringa

By   /   July 12, 2017  /   Comments Off on “Eine neue Perspektive nicht für morgen, sondern übermorgen” – Interview mit Nobelpreisträger Bernard Lucas Feringa

MIL OSI – Source: Volkswagen Stiftung – Press Release/Statement

Headline: “Eine neue Perspektive nicht für morgen, sondern übermorgen” – Interview mit Nobelpreisträger Bernard Lucas Feringa

Ende Juni 2017 wurden die letzten Anträge dieses Förderprogramms bewilligt. Sind damit alle Themen abgedeckt oder gibt es noch immer offene Fragen?
Wie bei jedem guten wissenschaftlichen Programm wird es vermutlich am Ende mehr neue Fragen geben als Antworten. Denn aus den Lösungen für Probleme ergeben sich neue Möglichkeiten und damit neue Fragen. Ich denke, das Programm wird eine Menge neuer Forschungsansätze initiieren, an die man zuvor überhaupt nicht gedacht hatte.
Wo steht die Nanotechnologie heute?
Sie existiert nunmehr seit rund 35 Jahren, hat enorme Fortschritte gemacht und viele neue Möglichkeiten eröffnet. Dennoch glaube ich, dass sie sich noch immer in einem frühen Stadium befindet, quasi im Teenager-Alter. Wir haben jetzt einige der grundlegenden Prinzipien etabliert: Wie sich genau definierte Nanoteilchen herstellen und sich Dinge auf der Nanoskala organisieren lassen. Und auch, wie wir mit neuen mikroskopischen Techniken Atome und Moleküle sichtbar machen können. Aber das tatsächliche Potenzial der Nanotechnologie wird sich erst in den kommenden Jahrzehnten zeigen.
Wo erwarten Sie die ersten Durchbrüche und Anwendungen?
Es gibt ja bereits Anwendungen. In Deutschland wie in den Niederlanden lassen sich mehr als hundert Produkte kaufen, die Nanotechnologie enthalten. Das ist allerdings erst der Anfang. Ich sehe für die Zukunft ein riesiges Potenzial vor allem in der Medizin sowie in den Materialwissenschaften. Denken Sie etwa an Beschichtungen von Fensterscheiben, die sich selbst reinigen, oder Oberflächen, die sich reparieren, wenn sie zerschrammt werden. Es wird winzige Kapseln geben, die Medikamente enthalten und sie gezielt an bestimmten Stellen im Körper entlassen. In der Elektronik wird die Nanotechnologie sehr viel kleinere, leistungsfähigere Computer ermöglichen, die unglaubliche Mengen an Daten speichern können.
Dennoch hört und liest man in Medien zurzeit wenig über die Nanotechnologie. Gibt es da eine Art von Entzauberung oder wurde zu viel versprochen?
Vielleicht ist es ähnlich wie mit der Gentechnologie, da gab es anfangs auch einen großen Medienrummel. In beiden Fällen wurden Durchbrüche erzielt, aber man darf nicht vergessen, dass es sehr lange dauert, bis aus einer Erkenntnis der Grundlagenforschung eine Anwendung wird. Doch ich bin davon überzeugt, dass die Nanotechnologie eine Menge neuer Chancen eröffnen wird.
Was macht Sie da so sicher?
Schauen wir uns den menschlichen Körper an, der aus zig Milliarden winzigen Zellen besteht: Eine jede von ihnen ist eine gewaltige Fabrik, vergleichbar mit einer Großstadt. Die Zelle ist ein unglaublich komplexes System, doch alles darin ist “nano”. Wir Forscher können die Natur nicht nur nachahmen, sondern über sie hinausgehen. Die Beschränkungen liegen einzig in den physikalischen und chemischen Eigenschaften von Atomen und Molekülen. Die Möglichkeiten sind praktisch unendlich groß.
Forscher könnten die Grenzen der Natur überschreiten?
Nehmen wir das Beispiel des Fliegens: Anfangs schauten sich die Menschen die Vögel an und versuchten, sie zu imitieren. Doch letztlich gelang es ihnen, Flugzeuge zu konstruieren, die sich nach einem ganz anderen Prinzip in die Luft erheben, viel schneller sind als Vögel und zudem gewaltige Lasten transportieren können.
Sollte Forschung eher Grundlagen betreffen oder auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse ausgerichtet sein?
Es wäre ein großer Fehler zu glauben, dass Wissenschaft sich nur mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen befassen sollte. Denn dann würde es keine wirklich neuen Erfindungen geben. Nehmen wir das Beispiel der Smartphones. Es gibt sie erst seit rund einem Jahrzehnt, doch unsere Kinder und die heutigen Studenten können sich eine Gesellschaft ohne Smartphone überhaupt nicht mehr vorstellen. Niemand hat diese Entwicklung vor 20 Jahren vorausgesehen, niemand hat den Wissenschaftlern an den Universitäten erzählt, dass sie ein Smartphone erfinden müssten. Doch es gibt diese Geräte nur, weil in den 1940er und 1950er Jahren Physiker Transistoren erfunden haben und Chemiker Displays mit Flüssigkristallen entwickelten – zunächst reine Grundlagenforschungen.
Das bedeutet also, die Förderprogramme von Stiftungen, die Grundlagenforschung unterstützen, sind nach wie vor nötig?
Ja, sie spielen eine ganz wichtige Rolle. Sie geben der Wissenschaft eine starke Basis und ermöglichen neue Perspektiven für die Zukunft – nicht die von morgen, sondern die von übermorgen.
Wir beobachten im Moment, dass viele Menschen den Naturwissenschaften und ihren Fakten skeptisch gegenüberstehen und sich stattdessen von einfachen, populistischen Parolen leiten lassen. Was ist der Grund?
Ich habe dafür keine wirkliche Erklärung. Und es macht mir Angst. Sogar manche Politiker sagen, die Ergebnisse von Wissenschaft seien lediglich Ansichtssache. Das ist unglaublich. Nehmen Sie das Beispiel Smartphone, das unsere Welt komplett verändert hat: Ist das eine Ansichtssache oder ein Fakt?
Was lässt sich gegen diese Sichtweise tun?
Ich glaube, wir Wissenschaftler sollten mehr Anstrengungen darauf verwenden, den Menschen und den Politikern zu erklären, weshalb Wissenschaft unentbehrlich ist. Wir sollten deutlicher machen, was wir wissen und was nicht, weshalb wir so kritisch sind und weshalb wir Fragen stellen. Und: Wir müssen klar machen, welches die Fakten sind und was Fiktion ist.

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