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»Es ist schlicht undenkbar, dem Dreiklang von Ausbildung, Beruf, Rente zu entkommen.«

By   /   July 21, 2017  /   Comments Off on »Es ist schlicht undenkbar, dem Dreiklang von Ausbildung, Beruf, Rente zu entkommen.«

MIL OSI – Source: Koerber Stiftung – Press Release/Statement

Headline: »Es ist schlicht undenkbar, dem Dreiklang von Ausbildung, Beruf, Rente zu entkommen.«

Stichwort Individualität: Wann haben Sie sich das letzte Mal dabei ertappt, etwas zu tun, nur weil andere es von Ihnen erwarten?
Ich denke, das geschieht relativ häufig, vor allem im familiären Bereich. Mit meinen Töchtern oder vor allem mit den Enkelkindern, zum Beispiel dass sie in eine Buchhandlung oder in ein bestimmtes Museum gehen wollen und ich nicht. Das passiert natürlich auch beruflich – in der Lehre war ich eingeengt, da gibt es ja einfach Vorgaben. Aber im Großen und Ganzen hatte ich schon sehr große Freiheit. Ich bin mir auch bewusst, dass das ungewöhnlich ist und sehr viele Menschen dieses Privileg nicht haben.Unsere Lebensgestaltung im Dreiklang von Ausbildung, Beruf, Rente entspricht einer vorherrschenden gesellschaftlichen Norm. Für wie zeitgemäß halten Sie die noch?
Ich denke, sie ist vor allem von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung dominiert. Es macht mir immer wieder sehr zu schaffen, dass die Schule eigentlich eine Institution ist, die dafür sorgen soll, dass die Wirtschaft die Leute bekommt, die sie haben möchte. Man fragt sich nicht, was die Bedürfnisse der Kinder sind, wie sie sich entwickeln wollen, ob sie all ihre Facetten entwickeln können. Nach der Schule sind sie gewissermaßen programmiert. Man erwartet schon gar nicht, dass es anders sein könnte. Das geht ja so weit, dass die Menschen gar nicht mehr spüren, was sie eigentlich möchten. Es ist schlicht undenkbar, diesem Dreiklang zu entkommen. Wir können uns die Lebensgestaltung gar nicht anders vorstellen, das ist tragisch und rührt daher, dass schon die Kinder in der Schule daraufhin erzogen werden. Es gibt zwar einige wenige, die rebellieren, aber das sind dann Querschläger, die wir als mühsam erleben.
Welches Modell entspricht ihrer Meinung nach der zukünftigen neuen Normalität?
Norm im Sinne von gleich, das entspricht dem Menschen sowieso nicht. Ich kenne keine Eigenschaft – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei anderen Lebewesen – die bei allen gleich ausgebildet wäre. Das gibt es nicht; es ist ein Grundgesetz der Evolution, dass alles eine Vielfalt hat. Wir engen das ein, und zwar in erster Linie aus Effizienzgründen. Die Wirtschaft möchte, dass wir so sind, und ein Teil der Menschen ist es auch, aber der Großteil nicht.
Sie sprechen die soziale und emotionale Verunsicherung sowie das Gefühl der Nutzlosigkeit und Einsamkeit von Menschen im Ruhestand an. Wie lässt sich ein »passendes Leben« auch in den späteren Lebensphasen erreichen?
Das ist ein sehr komplexes Thema. Wenn das Alter sinnvoll sein soll, setzt das eine Gemeinschaft vertrauter Menschen voraus. Davon gibt es unterschiedliche Formen, aber ohne Gemeinschaft geht es nicht. Wie im Unternehmen mit ständig wechselndem Personal. Ein Mehrgenerationenhaus ist da nur eine Möglichkeit.
Sehen Sie eine Möglichkeit, dass Menschen sich von der »Programmierung« durch die Schulzeit nach ihren Erfahrungen in der Berufswelt lösen können?
Ich habe da allergrößte Zweifel. Ich hatte zum Beispiel einen Freund, dessen Vater Verwaltungsratspräsident einer der größten industriellen Betriebe in den 60er Jahren in der Schweiz war. Der Sohn hat dann studiert, er war in Stanford und hat dort die Management School absolviert, was damals noch etwas ungewöhnlich war. Er kam zurück und war der jüngste CEO in der Schweiz. Mit 38 hat er dann gesagt: »Jetzt ist Schluss.«, hat Medizin studiert und wurde Arzt. Und das gibt’s, aber es ist nicht die Regel. Er hat sich freigemacht von diesem Übervater und fand dann das, was ihm persönlich entspricht.
Wie können wir unseren Kindern diese Individualität vorleben, sie darin bestärken, dass sie Zwängen nicht entsprechen müssen?
Das Stichwort ist Selbstbestimmung. Da haben die Eltern natürlich einen riesigen Anteil, und zwar nicht indem sie dem Kind ständig sagen, was es zu tun und zu spielen hat, sondern indem sie seine Umwelt gestalten. Kann es regelmäßig in der Natur spielen, kann es mit anderen Kindern spielen? Wenn es das kann, brauchen die Eltern eigentlich gar nichts mehr dazu tun, dann macht das Kind es nämlich schon selber. Aber wenn die Eltern sagen: »Jetzt sitzt du den ganzen Nachmittag im Spielzimmer, du hast doch so viele Spielzeuge!«, dann ist das nicht selbstbestimmt.
In Ihrem Buch »Das passende Leben« sprechen Sie davon, dass die Menschheit sich eine Welt geschaffen hat, in die sie nicht mehr passt. Warum sind Sie trotzdem optimistisch, dass die gleiche Menschheit es schafft, sich wieder zu besinnen und ihre Umwelt wieder passender zu gestalten?
Ich denke, einerseits ist es so, dass die Menschen immer unzufriedener sind bis zu dem Punkt, dass sie krank sind – Burnout zum Beispiel. Andererseits glaube ich, dass sich die Wirtschaft in der Form, wie sie jetzt ist und sich weiterentwickeln wird, selbst erledigt. Das kann gar nicht mehr lange funktionieren. Da gibt es viele Aspekte: Natürlich dass es nicht mehr genügend Arbeit gibt, woraufhin die Frage ist, wie der Lebensunterhalt bestritten wird, aber auch, dass eine Sinnentleerung stattfindet und die Leute immer unzufriedener werden – da muss man alternative Möglichkeiten finden. Und dann etwas, was eigentlich nicht diskutiert wird: Wer hat eigentlich noch die Verantwortung in der Gesellschaft? Wer sichert derzeit, dass wir genug zu essen haben?
Das ist überhaupt nicht gut. All diese Konzerne sind auf Gewinn ausgerichtet. Und so ist es in ganz vielen Bereichen, man sieht das z.B. an dem Diesel-Skandal. Ich verstehe nicht, dass es neben den zivilrechtlichen Angelegenheiten keinen Strafprozess gibt. Wie kann es sein, dass man einen solchen offensichtlichen, riesigen Betrug begeht und niemand dafür haftet? Es ist mir ganz egal, wer es ist, aber irgendjemand ist da verantwortlich, genauso wie er den Gewinn abräumt. Das schadet auch der Glaubwürdigkeit an der Spitze, und zwar sowohl der Wirtschaft als auch der Gesellschaft. Warum es keine Strafverfolgung gibt, hat ja nicht nur mit der Wirtschaft zu tun, sondern auch mit dem Rechtssystem, das so etwas möglich macht. Was die Regierung will, ist viel Export und kein Verlust von Arbeitsplätzen, also macht man nichts.
Sehen Sie dafür schon erste Anzeichen dafür, dass es ein gewandeltes Bewusstsein für diese Schieflage gibt?
Bei den jungen Menschen schon. Dass sie alternative Lebensformen suchen und dieses Hamsterrad der Wirtschaft satt haben. Die Generation Y ist aber trotzdem immer noch sehr konsumorientiert. Ich glaube nicht, dass man Jobs wie Kloputzer sinnvoll machen kann, das geht nicht. Man muss Alternativen haben in der Lebensgemeinschaft. Also dass jemand, der z.B. handwerklich tätig sein will, auch die Möglichkeit hat, das auszuleben, am besten nicht nur als Hobby. Ich kenne beispielsweise jemanden, der ein höherer Angestellter ist, aber sein Lebensziel besteht darin, dass er eine Töpferei hat.
Gibt es ein Geschäftsmodell, wie man diese Dinge umsetzen kann?
Ich werde immer wieder nach Lösungen gefragt und die habe ich natürlich nicht. Wenn man das Fit-Modell nimmt , dann kann man z.B. sagen, dass es um die Grundbedürfnisse geht: Wie gut sind die eigentlich in unserer Gesellschaft abgedeckt? Und wenn sie nicht oder schlecht abgedeckt sind, was müssen wir ändern? Da wird es konkret. Schwierig ist, dass wir eine Politik betreiben, die sich nur an Missständen orientiert. Wir sollten uns mehr an den Grundbedürfnissen orientieren und daran festhalten. Es besteht in der Bevölkerung ein Konsens, dass das Zusammenleben darauf basiert, genauso wie auf Gerechtigkeit und individueller Freiheit.
Aber wir müssen zunächst ein Bewusstsein schaffen, z.B. dass die alten Menschen sozial vereinsamen oder es ihnen emotional schlecht geht – und dann ist die Frage, wie man damit umgehen sollte. Viele deutsche Familien – etwas böse gesagt – exportieren ja ihre Großeltern auch nach Polen oder nach Tschechien, weil das billiger ist und weil man oft hört, dass die Pflege dort besser ist, die Pflegerinnen mehr Zeit haben. Das ist wirklich schlimm. Gute Pflege braucht Zeit, braucht Beziehung. Das müsste klargemacht werden, dass es nicht nur darum geht, die körperlichen Bedürfnisse zu versorgen: Die alten Menschen sollen nicht verhungern und nicht krank werden. Wenn man es sich genau überlegt, dann ist es ein menschenunwürdiges System. Da müsste man einen Konsens schaffen in der Gesellschaft.Video »Perfekt Unperfekt«(Remo Largo zu Gast im KörberForum)

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