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Die religiöse Legitimation von Gewalt – Leopoldina-Lecture anlässlich 500-jährigem Reformationsjubiläum

By   /   September 27, 2017  /   Comments Off on Die religiöse Legitimation von Gewalt – Leopoldina-Lecture anlässlich 500-jährigem Reformationsjubiläum

MIL OSI – Source: Volkswagen Stiftung – Press Release/Statement

Headline: Die religiöse Legitimation von Gewalt – Leopoldina-Lecture anlässlich 500-jährigem Reformationsjubiläum

Dies sei der Ausgangspunkt des Entstehens verschiedener Gruppierungen gewesen, die das Kalifat für notwendig erachteten und seine Wiedereinführung anstrebten. “Sie wollten die Muslime weltweit wieder zu einer islamischen Lebensweise zurückführen; in eine islamische Gesellschaft, in der Angelegenheiten des Lebens gemäß den schiitischen Rechtssprüchen entschieden werden”, erläutert Kippenberg. Ein Beispiel dafür findet sich seit 2014 in Syrien bzw. im Irak, wo Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen erklärt worden ist – und da auch mit dem Anspruch, dass dieses Kalifat nicht nur auf das Territorium bezogen ist, in dem es sich gebildet hat, sondern auch über dieses hinaus. Al-Baghdadi ist bereits seit Mai 2010 Anführer der dschihadistisch-salafistischen Terrororganisation Islamischer Staat.
Gleichzeitig hat der Wegfall des Kalifats die Position der Muftis gestärkt – religiösen Gelehrten, die Rechtsauskünfte, so genannte Fatwas, geben. Die sind jedoch nur bindend für jene, die die Autorität des Muftis anerkennen. Das führe zu einer fortschreitenden Fragmentierung von Glaubensauslegungen, berichtet Kippenberg.
Engagement und Gesinnung
Bereits im Jahr 1928 gründete sich in Ägypten die Muslimbruderschaft. Ägypten war bereits vor dem Zerfall des Osmanischen Reiches daraus losgelöst, was seine Ursache im sich ausbreitenden Kolonialismus hatte. Die Vereinigung der Muslimbrüder hatte das Ziel, eine islamische Lebensweise zu bewahren, verbunden mit dem Aufbau sozialer Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern. “In ihrer eigenen Auffassung sind sie Salafisten und folgen der Salafia, dem Modell des frühen Islam in der ersten Generation von Muslimen”, erläutert Prof. em. Dr. Hans Kippenberg. “Der Religion wurde eine Außenseite gegeben, die sozialer Art ist.”
Seit den 1920er Jahren haben sich die Muslimbrüder mit einer straffen Organisation bis nach Europa hin ausgebreitet. Die Muslimbruderschaft verfolgt dabei ein Phasenmodell: Zunächst sollen andere von der islamischen Botschaft überzeugt, dann islamische Institutionen im Meer der Ungläubigen errichtet werden. Zuerst steht also die Islamisierung der Gesellschaft, und ganz am Ende erst die Errichtung des islamischen Staats. Kippenberger erklärt: “Sie ermächtigen die Muslime als Aktivisten eines sozialen Islams, sozusagen als “Islam von unten”.”
Palästina war bereits länger eine Hochburg der Muslimbrüder, die von Israel einschließlich der sozialen Institutionen in den 1970er Jahren anerkannt war. Dennoch wurde die erste Intifada, also der Aufstand gegen die israelische Besatzungsmacht im Westjordanland 1987, von Muslimbrüdern mitorganisiert. “Sie traten damit in die dritte Phase, also die Bildung eines islamischen Staates ein, da es nicht ausgeschlossen war, dass hier ein solcher Staat entsteht”, berichtet Kippenberg. Als eine Folge des Widerstands gründet sich im Dezember 1987 die Hamas zur Verteidigung der islamischen Werte.
Besonders auch in Palästina verbreitet sich zu der Zeit die Auffassung, dass die Welt, in der die Muslime verkehren, verdorben von den westlichen Werten und Normen ist, sodass der wahre Islam nur noch in der Gesinnung existiert, nicht mehr in den sozialen Institutionen. “Mit dieser Gesinnungsethik tritt der Dschihadismus auf”, erklärt Kippenberg. Der “Heilige Krieg”, wie ihn der Prophet Mohammed in Medina geführt hat, diene dazu, nach der eigenen Überzeugung aktiv zu werden und zu handeln, also eine Ordnung nach den eigenen Überzeugungen zu gründen und auch zu verteidigen. “Ab jetzt ist die Toleranz Vergangenheit, ab jetzt ist Militanz angesagt”, erklärt Kippenberg. “Denn auch heute noch”, so Kippenberg, “legen viele die Geschichte so aus, dass die Suren, die aufrufen, die Ungläubigen zu töten, die letzte Offenbarung darstellen, die der Prophet Mohammed erhalten hat.” Sie hebe in den Augen von Extremisten alle vorangegangenen Offenbarungen auf und legitimiere Terrorismus als Handeln nach dem Vorbild des Propheten.
Terrorismus und Allgemeinwohl
“Die etwa 16 Millionen Muslime in Europa reagieren auf die Auseinandersetzungen des Westens zum Beispiel im Irak oft zwiespältig”, berichtet Kippenberg. “Die eine Seite sagt: Wenn sie uns dort terrorisieren, dann sind wir auch berechtigt, sie hier zu terrorisieren. Und die andere Seite sagt: Das ist grundfalsch, weil du das Allgemeinwohl der islamischen Gesellschaft aufs Spiel setzt, wenn du so handelst. Und in dieser Situation entsteht nun ein europäischer Islam.”

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