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“Stadt geht alle an!”

By   /   October 30, 2017  /   Comments Off on “Stadt geht alle an!”

MIL OSI – Source: Bosch Stiftung – Press Release/Statement

Headline: “Stadt geht alle an!”

Frau Carlow, Experten sagen, der Kampf um nachhaltige Entwicklung wird in den Städten gewonnen. Sehen Sie das auch so?
Carlow: Unbedingt. Schon heute leben die meisten Menschen in Städten und Stadtregionen, und dieser Trend wird sich fortsetzen, wenn man in die Zukunft schaut. 2055 werden nach aktuellen Schätzungen zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben, drei Viertel davon in Städten. Das heißt, dass bis dahin noch Städte für zwei Milliarden Menschen entstehen – geplant oder ungeplant.

Wie offen ist diese Zukunft?
Sehr offen. Wie schwierig es ist, konkrete Formen der Urbanisierung an konkreten Orten und in konkreten Städten vorherzusagen, sieht man am Beispiel Berlin. Direkt nach der Wende dachte man, dass diese Stadt sehr schnell wachsen würde, doch zunächst ist sie geschrumpft. Jetzt wächst sie dafür umso stärker. Urbanisierung ist ein Megatrend. Und diese Zahl von zwei Milliarden Menschen, die 2055 zusätzlich in Städten leben werden, wird global gesehen sehr ungleich verteilt sein. Klar ist nur, dass sich das extreme Stadtwachstum in Regionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas konzentrieren wird. Wir wissen den Maßstab nicht genau, denn da spielt vieles mit hinein.

Dennoch sollen möglichst alle, die in einer Stadt wohnen, ein “gutes Leben” haben – ist es überhaupt möglich darauf hin zu arbeiten, wenn man heute noch gar nicht weiß, was die Zukunft genau bringt?
Dafür ist es wichtig, dass alle Disziplinen zusammenarbeiten. Schon heute arbeiten bei städtebaulichen Projekten nicht nur Stadtplaner, Architekten und Ingenieure zusammen, sondern es sind beispielsweise auch Ökonomen, Ökologen, Soziologen und Kulturwissenschaftler beteiligt. Diese Basis sollte noch breiter werden. Schließlich spielen auch Faktoren wie der Klimawandel in solche Fragen mit hinein, ebenso wie soziale Faktoren. Stadt geht alle an!

In Ihrem Projekt “Offene Stadt” gehen Sie davon aus, dass die Zukunft offen ist, auch im Sinne von unvorhersehbar. Wie sollen Forschung und Gesellschaft damit umgehen?
In der Tat ist unsere zentrale Ausgangsfrage: “Kann die Stadt der Zukunft geplant werden, wenn man nicht weiß, wie diese Zukunft aussieht?” Wir sagen ja: Man muss eine Stadt so planen, dass sie sich unterschiedlichen Szenarien anpassen kann. Stadtplanung ist ein langsamer Prozess: wir nutzen heute beispielsweise Straßen, die vor 300 Jahren geplant wurden, wohnen in Quartieren, die vor 150 Jahren konzipiert wurden und nutzen Gebäude, die noch viel älter sind. Deshalb bedeutet “offene Stadt” für uns auch: eine Stadt muss offen sein für zukünftige Entwicklungen, offen für Neues und Neue.

Wie könnte das konkret aussehen?
Das wollen wir im Projekt erarbeiten. Eine Stadt muss sich anpassen können. Wichtig ist dafür ein neuartiges Denken, beispielweise über Infrastrukturen. Die Wasserversorgung ist dafür ein gutes Beispiel. Wie kann man die so anlegen, dass sie für mehr oder weniger Menschen passend ist? Das trifft auch auf andere Infrastrukturen und Architekturen zu und auf vieles andere. Deshalb arbeiten wir auch eng mit Stadtverwaltungen und der Politik zusammen, um deren Blick zu weiten. Sie sind im Alltag sehr nah an der Praxis, sie wissen um die Problematik, doch oft fehlt die Zeit und die Mittel, sich dieser anderen Art der Vorausschau zu widmen. Dafür braucht es solche Projekte!
 

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