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Historische Aufklärung als Menschenrecht

By   /   March 9, 2018  /   Comments Off on Historische Aufklärung als Menschenrecht

MIL OSI – Source: Koerber Stiftung – Press Release/Statement

Headline: Historische Aufklärung als Menschenrecht

Für die Erinnerung an die Diktaturen des 20. Jahrhunderts als gemeinsame europäische Verantwortung habe sich Arsenij Roginskij Zeit seines Lebens stark gemacht, und dieser Auftrag sei gleichzeitig sein Vermächtnis. Damit leitete Ellen Überschär, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, im Namen der Veranstalter die Gedenkmatinee ein. Rund 200 deutsche und internationale Gäste waren der Einladung der Böll-Stiftung, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, des Deutsch-Russischen Austausches sowie des Lew-Kopelew-Zentrums und des Vereins MEMORIAL Deutschland in die Repräsentanz der Heinrich-Böll-Stiftung gefolgt.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die auch von der Körber-Stiftung als langjährigem Partner von MEMORIAL International im Rahmen des EUSTORY-Netzwerks unterstützt wurde, standen die Rolle von Arsenij Roginskij als einem der Wegbereiter historischer Aufklärung in der Sowjetunion und in Russland sowie die Diskussion über die Zukunftsperspektiven der von ihm mit begründeten Organisation MEMORIAL, die Ende 2016 vom russischen Justizministerium zum sogenannten »internationalen Agenten« erklärt wurde. Auf dem Programm standen neben einer persönlichen Würdigung des Verstorbenen zwei Gesprächsrunden über dessen Wirken und die Zukunft von MEMORIAL. Der Pianist und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov sorgte mit Werken von Mieczyslaw Weinberg und Vsevolod Zaderatsky für einen auch thematisch passenden musikalischen Rahmen.
In seinem Festvortrag erinnerte der Osteuropahistoriker Wolfgang Eichwede mit sehr persönlichen Worten an Arsenij Roginskij als Aufklärer und Humanisten, der sich – obwohl Exil nie ein Thema für ihn gewesen sei – sehr intensiv mit der Debatte über die historische Aufarbeitung in Deutschland beschäftigt habe und dem die Aussöhnung zwischen Russland und Polen ein wichtiges Anliegen gewesen sei.
Die anschließende Gesprächsrunde unter anderem mit Elena Zhemkova, Geschäftsführerin von MEMORIAL International, dem russischen Historiker Nikita Petrov und der ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Marieluise Beck, widmete sich dem Wirken und Vermächtnis Arsenij Roginskijs. Auch dort wurde deutlich, welch besondere Bedeutung Deutschland und der deutsch-russische Dialog über Vergangenheitsbewältigung und historische Aufarbeitung im Leben Roginskijs hatte. Er sei stolz gewesen auf die Bemühungen deutscher Bundestagsabgeordneter, eine Entschädigung für sowjetische Zwangsarbeiter zu ermöglichen, unterstrich Elena Zhemkova. Für Arsenij Roginskij habe stets der Mensch im Mittelpunkt gestanden, sagte der Historiker Nikita Petrov. Seine Lebensaufgabe habe er in der Auseinandersetzung mit Archivmaterialien und in der Öffnung von Archiven gesehen.
In der Auseinandersetzung mit den Folgen des Totalitarismus sei es ihm niemals nur um die Verantwortlichen in der ersten Reihe, sondern vor allem um die Menschen in der zweiten Reihe gegangen, die als Täter und als Opfer von Unterdrückung und totalitärer Herrschaft betroffen gewesen seien. »MEMORIAL hat immer das getan, was der Staat nicht getan hat«, so Petrov. Marieluise Beck unterstrich, dass Roginskij nicht nur an der Vergangenheit, sondern immer auch an der Gegenwart und Zukunft interessiert gewesen sei. Sein Vermächtnis skizzierte sie als den Auftrag an die nachfolgenden Generationen, sich gegen die Rückkehr von Nationalismus und für eine Fortsetzung der Aufklärungsarbeit einzusetzen.
Eine zweite Diskussionsrunde, unter anderem mit der Historikerin und Publizistin Irina Scherbakowa, dem langjährigen Leiter des Moskauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, Jens Siegert, und dem russischen Historiker Sergej Parchomenko, richtete den Blick auf die Zukunftsperspektiven von MEMORIAL. Jens Siegert unterstrich, dass es in Russland trotz der aktuell schwierigen Situation von MEMORIAL einen großen gesellschaftlichen Bedarf für die Arbeit von MEMORIAL gäbe. Die Organisation sei inzwischen die größte NGO Russlands und habe mit ihrem Haus in Moskau einen Ort der Begegnung und mit ihren Netzwerken in den Regionen eine Struktur geschaffen, die es ermögliche, landesweit einen Dialog über historische Aufarbeitung und Menschenrechte aufrecht zu erhalten.
Diese Netzwerke zu erhalten und gleichzeitig den Generationswechsel in der Organisation so zu organisieren, dass die wachsende Zahl junger Historiker, Experten und Aktivisten, die sich bereits heute für MEMORIAL engagierten, in  Zukunft mehr Verantwortung übernehmen könnten, sei die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre, betonte Irina Scherbakowa.
Die Organisation MEMORIAL, ihre Netzwerke, ihr Haus und das umfassende Archiv seien ein Ort, der stellvertretend für ein »freies Russland« stehe, betonten die Gesprächspartner zum Abschluss der Matinee. Dies sei das Vermächtnis von Arsenij Roginskij, das es auch in schwierigen Zeiten zu bewahren gelte. Anlässlich der Matinee erschien eine Ausgabe der Zeitschrift OSTEUROPA mit Texten von Arsenij Roginskij. 
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