Am Rand des Vorstellbaren

Source: Bundestag – BÜNDNIS DIE GRÜNEN BUNDESPARTEI

Menschen erreicht man über ihre Gefühle. Ich würde sogar sagen: ausschließlich über Gefühle. Wenn Sie etwas bewegen wollen, erzählen Sie von Menschen. Wir sind empathiebegabte Wesen, wir fühlen uns ein und leiden und leben mit. Literatur hat eine große Kraft, davon zu erzählen, was Menschen bewegt, was sie antreibt, wovor sie sich fürchten.Ich hatte den Erfolg des Romans nicht erwartet, als ich „Die Geschichte der Bienen“ schrieb. Im Jahr 2017 war es in Deutschland das meistverkaufte Buch! Ich werde jetzt zu Talkshows eingeladen und bin eine Art Botschafterin der Bienen geworden. Dabei wollte ich keinen Umweltroman schreiben, der vor dem Insektensterben warnt, sondern über Menschen und Familien – und über Bienen.
Als ich im Juni 2013 zufällig einen Dokumentarfilm über Bienen gesehen hatte, war mir, als ginge über meinem Kopf eine Glühbirne an. Ich war vollkommen fasziniert davon, wie Bienen miteinander kommunizieren, wie sie umeinander tanzen, um den anderen mitzuteilen, wo sie Nektar gefunden haben. Während ich am Buch schrieb, sah ich plötzlich überall Insekten. Vielleicht hat der Zauber, den ich empfunden habe, auch dazu beigetragen, dass sich das Buch so gut lesen lässt. Vielleicht liegt darin der Erfolg: Wenn ich mich allein von einem Thema hätte leiten lassen, dann wären meine Figuren nicht so lebendig geworden, dann hätte ich nicht den Raum gehabt, eine möglichst realistische Welt zu entwerfen. Dafür braucht es Figuren und Konstellationen, mit denen man sich identifizieren kann. Dann wird das Undenkbare denkbar.
In meinem Buch verschwinden im Jahr 2045 alle bestäubenden Insekten. Zuerst dachte ich, die Menschen könnten bis dahin Technologien erfunden haben, die alle Aufgaben der Insekten übernehmen. Wir Menschen neigen ja dazu zu glauben, dass die Technik schon alle Probleme lösen wird. Aber mir macht das Angst. Für mich war es schwierig, mich in eine solche Zukunft hineinzuversetzen. Ich bin keine Science-Fiction-Autorin, ich schreibe einfach Romane. In meinem Buch sind die Menschen nach dem Kollaps viel zu sehr damit beschäftigt, Nahrung zu beschaffen, so dass sie gar keine Zeit mehr haben, neue Technologien zu erfinden. Es ist also eine posttechnologische Gesellschaft: Der Mensch ist zurückgeworfen auf sein elementares Verhältnis zur Natur. Erst als das Buch dann im Handel war, ist mir aufgefallen, dass ich tatsächlich eine Dystopie entworfen habe.
Bei meinem anderen Buch, der „Geschichte des Wassers“, ist die Fiktion schon fast Realität geworden. Das ist unheimlich. Das Buch erschien in Norwegen und Deutschland, bevor es in Nord- und Mitteleuropa diese lange Trockenheit gab. Darin beschreibe ich eine Welt, in der das Wasser knapp ist. Ich erzähle auf zwei Zeitebenen, in zwei Generationen, um zu verstehen, wie wir Menschen mit der Natur umgehen, warum wir so handeln und welche Auswirkungen unser Handeln hat. Ein Beispiel: Unsere Wasserfälle in Norwegen werden zu 70 Prozent umgelenkt und für Wasserkraft genutzt. Wir beziehen in Norwegen fast 95 Prozent unseres Stroms aus grüner Energie. Das ist einerseits großartig. Andererseits verändert das die Landschaft und die Lebensbedingungen der Tiere. Die Folgen davon haben wir noch nicht vor Augen. Das Artensterben wird das zentrale Thema meines dritten Romans sein, an dem ich gerade arbeite. Figuren aus den vorangegangenen Büchern werden darin vorkommen, und so werden womöglich Zusammenhänge klar.
Am Anfang meiner Bücher steht keine Botschaft, sondern eine Figur und ihre Geschichte: Ich gehe so nah wie möglich an meine Figuren heran. In der „Geschichte des Wassers“ spielt eine Zeitebene im Jahr 2041. Es gibt kaum Trinkwasser, und eine seit Jahren anhaltende Dürre zwingt die Menschen in Südeuropa zur Flucht. So auch einen Charakter des Romans, David. In einem Lager wartet er zusammen mit seiner Tochter vergeblich auf seine Frau und den kleinen Sohn. Auch das ist Realität: Flucht trennt Familien! Für die Recherche bin ich in Flüchtlingscamps nach Griechenland gereist. Dort habe ich die Zustände gesehen, in denen die Menschen leben. Und ich schildere den Durst meiner Figuren im Buch. Jeder weiß, wie es sich anfühlt, durstig zu sein. Ich gehe über dieses Gefühl hinaus und treibe es an den Rand des Vorstellbaren.
Als das Buch in Norwegen erschien, sagten mir Freund*innen, dass das Jahr 2041 eine viel zu nahe Zukunft sei, um eine solch düstere Vision zu entwerfen, ich hätte übertrieben. Jetzt, nach diesem Sommer, ist diese Zukunft beunruhigend nah an uns herangekommen. In Oslo regnete es vier Monate lang fast gar nicht. Es war sehr heiß, Woche um Woche 30, 35 Grad. Am Anfang fanden wir es toll, denn die Sommer in Oslo können wirklich scheußlich sein, kalt und regnerisch. Die Zeitungen schrieben über den „Supersommer“. Aber die Wochen vergingen, nichts änderte sich. Es gab Waldbrände in Norwegen und noch schlimmere in Schweden.
Die Welt verändert sich rapide, und das wird meine Art zu schreiben verändern. Wenn ich recherchiere, versuche ich, so aktuell und genau wie möglich zu sein. Hätte ich „Die Geschichte des Wassers“ während des vergangenen Sommers geschrieben, dann lebten meine Figuren nicht in Südeuropa, sondern weiter im Norden. Ich hätte nicht so weit in die Zukunft denken müssen. Wir müssen jetzt real etwas gegen den Klimawandel unternehmen, nicht erst in den nächsten 30, sondern schon in den nächsten fünf Jahren.
An meinen optimistischen Tagen fällt mir auf, wie viel schon passiert ist. Ich habe von den Landtagswahlen in Deutschland gelesen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen Veränderung wollen: Wir wollen Elektroautos, es gibt vegetarische Angebote in jeder Kantine, jeden Tag liest man über das Klima. Wir haben die Kraft etwas zu verändern. Aber ich habe keine Antwort auf die Frage, warum wir noch nicht eher damit angefangen haben und so zögerlich vorankommen. Vielleicht, weil wir uns nicht mehr als die nächsten 30 Jahre vorstellen können. Wir sind schrecklich passiv. Vielleicht, weil uns die Zukunft bisher zu weit weg erschienen ist. Leider muss vermutlich die Angst groß genug sein, damit wir bereit sind, uns zu verändern.
Viele Leserinnen und Leser erzählen mir, dass sie durch meine Bücher Angst bekommen haben. Sie fragen mich, was sie persönlich tun könnten. Meine Bücher haben offenbar dazu angestoßen nachzudenken. Literatur kann also bewegen. Dennoch würde ich mich beim Schreiben nicht von einer Botschaft leiten lassen, sonst würde ich Manifeste schreiben und keine Romane. Meine Figuren leiten den Text. Die Geschichte steht im Mittelpunkt. Die Botschaft kommt nach dem Schreiben.
MAJA LUNDE wurde 1975 in Oslo geboren. Nach ihrem Studium der Literatur- und Filmwissenschaft schrieb sie Drehbücher und Jugendromane. „Die Geschichte der Bienen“ war ein Überraschungserfolg und im Jahr 2017 das meistverkaufte Buch in Deutschland. Gerade ist auf Deutsch „Die Geschichte des Wassers“ erschienen, ebenfalls bei btb. Derzeit arbeitet Maja Lunde am dritten Teil ihres „Klimaquartetts“. Maja Lunde lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen am Rand von Oslo.

MIL OSI